“Ich halte den Sound nicht mehr aus – weg mit der Musik!”

25
Apr

“Ich halte den Sound nicht mehr aus – weg mit der Musik!”

(ein Gamer nach zwei Stunden ermüdendem Soundtrack im Ohr)

Wer kennt das nicht? Bekannt als „Wiederholungsermüdung“ tritt der Effekt auf welcher unsere Ohren auf eine allzu harte Probe stellt: das immerwährend gleiche Klangbild und fortwährend wiederholte Melodien erreichen selbst beim unaufmerksamen Hören eine Toleranzgrenze. Schuld daran trägt in erster Linie ein Mangel an Material. Aufgrund von Kostenersparnis werden die gleichen Cues immer wieder geloopt – so nutzt sich auch exzellentes musikalisches Material schnell ab. Die Gratwanderung zischen einprägsamen – und damit leicht zugänglichen Melodien und Variation, will heißen Abwechslung, gelingt nicht immer und hängt auch ab von der Finesse des Komponisten, seine Musik einfach, aber auch unaufdringlich an das Ohr treten zu lassen.

„Melodie macht Musik unvergesslich und ermöglicht uns, zwischen Musiken zu unterscheiden“ (Man-Kwan Shan, 2002, „Music Style Mining and Classification by Melody“)

Eine alte Weisheit wurde hier formuliert, welche wahrscheinlich schon den antiken Griechen bekannt gewesen sein dürfte. Funktionieren tut sie noch immer, die Melodie und gilt als „das“ identitätsstiftende Merkmal für Musik schlechthin.

Neben den vielfältigen arrangementspezifischen Möglichkeiten, Melodie immer abwechslungreich zu gestalten, kann man sich vom  Wiedererkennungswert einer Melodie auf einzelne Klänge beschränken. Ein sehr gelungenes Beispiel dieser Reduktion findet sich in der Signation der TV-Serie „Breaking Bad“, welche sich erst nach mehrmaligem Hören einprägt.

 

John Cage gilt als einer der Komponisten ds 20. Jhdts. der sich sehr konsequent der Melodie und deren Süße verschloß. Seine Musik sollte nicht festhaften und an nichts erinnern – so ist der Hörer auf sich selbst zurückgeworfen und kann sich mit dem Sein im Moment beschäftigen. Ein gutes Beispiel hierfür ist seine mit dem chinesischen I Ging konstruierte legendäre „Music of Changes“.

 

Das ist natürlich keine Lösung für Game- oder Filmmusik, ermahnt aber den Komponisten zu bewusstem Umgang mit dem Medium Melodie.

Ein wunderbares Beispiel für die Wandelbarkeit einer großen epischen Melodie ist die Umsetzung des gleichen Themas in den Titeln der „Elder Scrolls“ Reihe. Sehr schön hört man hierbei die Variationen in Instrumentierung und Tempo, welche das Hauptthema zwischen 2006 und 2012 in immer spannenden Formen erscheinen lassen.

 

Natürlich ist der Abnützungseffekt musikalischen Materials einer sehr persönlichen Disposition unterworfen – und wird bei unterschiedlichen Hörern an verschiedenen Punkten auftreten. Ziel ist auch hier, einen gangbaren Mittelweg zwischen charakterprägenden Eingängigkeit und  Unaufdringlichkeit zu finden – und die Häufigkeit des Einsatzes genau abzuwägen.

Quelle:
A Composer’s Guide to Game Music, Winifred Phillips, MIT Press 2014,  S.66

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